Das Web stirbt nicht – es zerfällt. Und ich frage mich, wo ich noch bloggen soll

Das Web verändert sich. Inhalte zerfallen in Plattformen, Apps und Content-Schnipsel. In diesem Artikel schreibe ich darüber, was hinter dem Prinzip von Bundling & Re-Bundling steckt, warum Blogs ihre zentrale Rolle verlieren könnten – und warum ich trotzdem blogge.

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Was passiert gerade mit dem Web?

Diese Frage ist kein leises Flüstern unter SEO-Nerds, sondern ein Echo, das durch das ganze Content-Universum hallt. Du hörst sie in Gesprächen über KI-Tools, du liest sie in Blogartikeln über Sichtbarkeit und in Posts über sinkende Klickzahlen aus Google. Und sie führt unausweichlich zu der noch größeren Frage: Wie wird das mit der Sichtbarkeit – wenn sich das Web gerade neu zusammensetzt?

Bisher gab es so etwas wie ein gemeinsames Web mit HTML als universeller Sprache. Wer etwas sagen wollte, konnte schreiben. Wer etwas wissen wollte, konnte suchen. Wer sich mit SEO auskannte, hatte gute Chancen in Suchmaschinen wie Google sichtbar zu werden.

Heute ist das anders. Inhalte entstehen auf Substack, Instagram, LinkedIn oder verschwinden in geschlossenen Kanälen wie Telegram- oder WhatsApp-Gruppen. Google zeigt KI-generierte Antworten statt zehn Links. Und plötzlich fragen sich viele – mich eingeschlossen: Wo publiziere ich, damit es überhaupt noch jemand liest? Wo blogge ich, wenn die alten Spielregeln nicht mehr gelten – und die neuen noch niemand kennt? Ich versuche, eine Antwort zu finden. Für mich. Und vielleicht auch für dich.

Vom offenen Netz zur Plattform-Welt: Wie das Web sich zersplittert

Lange Zeit war Google mehr als eine Suchmaschine. Google war die unsichtbare Klammer des Webs – ein gigantisches Inhaltsverzeichnis, das Millionen von Websites zusammenführte. Auch Blogs hatten hier ihren festen Platz. Sichtbarkeit war möglich, wenn man verstand, wie Google und Menschen denken und bereit war, SEO-Basics umzusetzen.

Ja, es war und ist ein Spiel. Doch wer einmal die Grundlagen von guten Texten, internen Verlinkungen und SEO-Prinzipien wie E-E-A-T verstanden hatte, konnte langfristig Sichtbarkeit und Reichweite aufbauen. Und viele Bloggerinnen und Blogger tun genau das – auch heute noch mit Erfolg.

Doch der Wandel ist längst da. Statt zehn blauer Links zeigt Google immer öfter KI-generierte Antworten direkt in der Suche. Viele Nutzerinnen und Nutzer enden dort, klicken gar nicht mehr weiter und bleiben bei der Zusammenfassung hängen. Wer bloggt, bekommt das zu spüren: weniger Traffic, weniger Reichweite, weniger Rückmeldung, weniger Kunden.

Parallel dazu hat sich das große weite Netz aufgespalten. Inhalte entstehen auf Plattformen wie Substack, LinkedIn oder Instagram und oft in Formaten, die nicht mehr klassisch verlinken. Dieser Content lebt in den Feeds der Plattformen, verschwindet beim Scrollen und taucht in Algorithmenblasen unter. Weitere Inhalte wandern in geschlossene Systeme wie Telegramm-Gruppen oder WhatsApp-Channels, die nur noch für Eingeweihte sichtbar sind.

Das Ergebnis: Es gibt nicht mehr den einen Ort, an dem Leserinnen und Leser alles finden. Stattdessen zerstreuen sich Inhalte über Blogs, Newsletter, Social Media und weitere Plattformen hinweg.

Falls du dich in diesem Bild wiedererkennst – zwischen Blog, verschiedene Plattformen und der Frage nach Sichtbarkeit: Du bist hier genau richtig.

Aber bevor ich versuche, eine Antwort zu finden, schauen wir uns erst einmal an, wie sich Sichtbarkeit eigentlich verändert und welche Muster dahinter stecken.

Vom Bundling zum Unbundling – und wieder zurück?

Everything bundles, un-bundles and re-bundles. Mit diesem Satz beschreibt Jason Feifer, Chefredakteur des Entrepreneur Magazins ein Muster, das er in allen Bereichen beobachtet: Dinge kommen zusammen, dann zerfallen sie und setzen sich irgendwann neu zusammen. Immer wieder. Ein Kreislauf, der sich durch Wirtschaft, Medien und Technologie zieht.

Feifer erklärt das am Beispiel der klassischen Büro-Software von Microsoft: Früher gab es Microsoft Office als festes Bundle – Word, Excel, PowerPoint. Dann kamen spezialisierte Tools wie Trello, Asana, Monday oder Evernote dazu. Alles wurde einzeln genutzt. Jede Software hatte ihre eigenen Vor- und Nachteile und oft hakte es an den Schnittstellen von Arbeitsaufgaben.

The pattern is this: Everything bundles, un-bundles, and re-bundles.

Jason Feifer in seinem Beitrag The One Predictable Thing in Business

Feifer beschreibt deutlich, dass wir zum Beispiel mit Tools wie Notion wieder eine Rückkehr zum Bundle erleben – eine Oberfläche, die alle möglichen Funktionen vereint. Die Komplexität der vielen Einzel-Tools wird zum Verkaufsargument für neue Einfachheit.

Und wie passt das zum Content-Bereich?

  • Früher bündelte Google Blogs: Wer etwas suchte, landete bei zehn blauen Links, die sehr oft zu einem Blogartikel führten.
  • Heute wird ent-bündelt: Inhalte entstehen auf Plattformen wie Instagram, Substack, LinkedIn oder verschwinden ganz in geschlossenen Gruppen wie Telegram oder WhatsApp. Diejenigen, die Content erstellen, verteilen spezifisch je nach Plattform.
  • Morgen? Vielleicht kommt das Re-Bundle: Communitys, Newsletter-Kurationen, Plattformen, die Inhalte neu vernetzen und sichtbar machen.

Feifer beschreibt, wie Menschen zu neuen Bündlern werden: Einzelpersonen kuratieren Inhalte, bauen Plattformen auf, gründen Medienmarken. Als Beispiel nennt er Steven Bartlett, der mit Diary of a CEO als Podcast groß wurde – und nun andere Content Creator unter seinem Label bündelt. Aus der Einzelstimme wird ein neues Medienhaus.

Für mich wirft das die Frage auf: Was wäre ein gutes Re-Bundle für Blogs?

Wie könnten wir Inhalte so sichtbar machen, wie es früher Google gemacht hat und heute auch noch in weiten Teilen tut? Und zwar so, dass wir unsere technische Unabhängigkeit nicht verlieren. Ein Blick in eine andere Content-Welt liefert vielleicht eine Antwort.

Podcasts als Beispiel für funktionierendes Re-Bundling

Ein Blick in die Podcast-Welt zeigt, dass Re-Bundling möglich ist, und zwar so, dass die technische Unabhängigkeit vorhanden bleibt.

Podcasts funktionieren nach einem Prinzip, das Blogs heute schmerzlich fehlt: Sie werden frei gehostet und dennoch zentral gebündelt.

Konkret heißt das: Podcaster können sich ihren Hosting-Anbieter frei wählen, wie zum Beispiel Podigee, AnchorFM oder Libsyn. Die Episoden werden meist als MP3-Datei erstellt und brauchen, wie ein Blog, eine feste „Wohnung mit Adresse“. Also einen Feed und eine Domain. Genau das liefert der Podcast-Hoster.

Völlig unabhängig davon agieren Plattformen wie Apple Podcasts oder Spotify. Dort muss ein Podcast nur einmal registriert werden. Danach werden alle Episoden automatisch angezeigt, empfohlen oder können abonniert werden. Diese Plattformen bündeln Inhalte, bieten Kommentar- und Bewertungsfunktionen und tragen zur Sichtbarkeit eines Podcasts bei.

Du kennst das wahrscheinlich: Kopfhörer auf, Podcast-App öffnen, auf „Aktuelle Folgen“ tippen und schon bist du bestens versorgt mit den Folgen deiner Lieblingspodcasts, die gerade frisch veröffentlicht wurden. Das ist einfach, übersichtlich und bequem.

Und genau das fehlt Blogs heute.

Denn Hand aufs Herz: Wann hast du zuletzt in einer App wie Newsify die neuesten Blogartikel deiner Lieblingsblogger durchstöbert? (Okay, ich mache das. Wirklich. Beweisbild folgt. Vielleicht sollte ich dazu mal einen Blogartikel schreiben …).

Die Wahrheit ist, dass die meisten Menschen gar keine App auf dem Handy haben, die RSS-Feeds ausliest und übersichtlich Blogartikel oder Websites anzeigt. Neben Google ist vielleicht Pinterest noch die einzige Plattform, die Blogartikel sammelt, indexiert, sortiert, sichtbar mach und halbwegs zuverlässig ausspielt.

Jetzt kommt dir vielleicht der Gedanke, dass Newsletter auf gewissen Weise Inhalte bündeln, wenn der Autor oder die Autorin auf verstreute Inhaltsschnipsel verlinkt. Das stimmt. Aber ein Newsletter bündelt nur deine Inhalte – nicht alle. Und das auch nur, wenn jemand abonniert und du zu deinen Inhalten regelmäßig verlinkst.

Was also tun, außer leise ins Kissen zu flüstern: Früher war alles besser?

Vielleicht lohnt sich ein Blick auf die, die trotzdem bündeln – nicht automatisiert, sondern menschenbasiert. Ähnlich wie Steven Bartlett, dem Podcasts-Host von Diary of a CEO.

Menschliche Re-Bundles: Der vorläufige Ersatz

Was Plattformen wie Spotify für Podcasts leisten, versuchen andere im Kleinen für Blogs – allerdings nicht durch Algorithmen, sondern durch Menschen.

Initiativen wie der Blogbot von The Content Society sind ein Beispiel dafür: Hier werden wöchentlich alle neuen Blogartikel der Mitglieder gesammelt und automatisch in einem Blogartikel veröffentlicht – kuratiert, verlinkt, sichtbar gemacht. Ein Re-Bundle, das auf Gemeinschaft und der Initative von Judith Peters beruht.

Auch die Aktion #SoSollWeb funktioniert nach diesem Prinzip. Ursprünglich als Blogparade gestartet, wurde daraus eine Plattform für gute Geschichten aus dem Netz – Beiträge über Verbindungen, positive Erlebnisse, respektvolle Kommunikation. Jeder Beitrag mit dem Hashtag wird verlinkt, empfohlen, weitergetragen. Eine kuratierte Sammlung, die zeigt: Das Web kann auch anders.

Oder nehmen wir „12 von 12“: Ein Blogformat, bei dem jeden 12. des Monats zwölf Bilder aus dem Alltag gepostet werden – ein Klassiker der deutschsprachigen Blogosphäre. Hier entsteht Sichtbarkeit nicht durch SEO, sondern durch Formatbindung, Verlinkung und gemeinsames Veröffentlichungs-Datum. Kuratiert von Caroline Lorenz-Meyer auf ihrem Blog Draußen nur Kännchen.

Was diese Beispiele gemeinsam haben:

  • Sie kuratieren Inhalte durch einfache technische Werkzeuge
  • Sie schaffen Struktur und Vernetzung
  • Sie entstehen aus der Community heraus
  • Sie ersetzen keine Plattform, aber sie überbrücken die Lücke

Vielleicht sind sie das soziale Vorstadium einer Plattform, die noch fehlt, wenn Google stirbt. Kein automatisiertes Verzeichnis, sondern ein kollektiver Versuch, Blogs wieder auffindbar zu machen – durch Menschen.

Natürlich bleibt auch spannend, was Google selbst noch tun wird. Google ist schließlich nicht verschwunden – ganz im Gegenteil. Google sitzt auf einem Datenschatz aus Jahrzehnten: Millionen von indexierten Seiten, große Datenmengen über unser Nutzerverhalten, Bündelung in unendlichen Themenclustern und Verlinkungsstrukturen, die das Netz aufspannen wie eine gedachte Sternenkarte am Nachthimmel.

Vielleicht findet Google einen Weg, dieses Wissen neu zu nutzen – um Inhalte besser auszuspielen, statt sie hinter KI-Antworten zu verstecken. Vielleicht kommt das Re-Bundle sogar doch wieder aus dem Silicon Valley. Nur eben in einer Form, die wir heute noch nicht kennen.

Mein Blog. Mein Newsletter. Meine Antwort auf das zersplitterte Netz

In einer Zeit, in der Inhalte auf verschiedene Plattformen zerfallen, in algorithmisch geprägten Feeds verschwinden und immer schwerer auffindbar sind, brauche ich einen festen Ort. Einen Ort, an dem ich denke, schreibe, verlinke und vernetze – ohne dass ein Algorithmus entscheidet, was davon sichtbar ist.

Deshalb blogge ich.

Weil ein Blog für mich mehr ist als ein Content-Kanal. Er ist mein digitales Zuhause. Kein Hochglanz-Schaufenster, sondern ein Ort für Themen, die für meine Leserinnen und Leser wichtig sind. Und das sage ich, obwohl ich ausgerechnet im November 2025 diesen neuen SEO-Blog gestartet habe. 😉 Vielleicht sogar deshalb, denn irgendwo muss das ganze Zeug ja hin.

Aber ich blogge nicht nur – ich bündele. Denn wenn alles auseinanderfällt, braucht es Verbindungen.

Und genau das ist mein Newsletter für mich: mein persönliches Re-Bundle. Darin verlinke ich meine Blogartikel, teile Fundstücke, Gedanken und Impulse aus meiner Community – ganz ohne Algorithmus und dafür direkt in dein E-Mail-Postfach. Immerhin digital. Nicht auszudenken, dass ein Newsletter per Fax gesendet wird.

Wenn du nichts verpassen willst, melde dich gerne hier an: zu meinem Mach’s-einfach Newsletter.

Und trotzdem bleibt eine Frage offen:

Was bedeutet all das für die Zukunft des Bloggens und für uns als Content Creator?

Fazit: Das Web stirbt noch nicht. Aber es wird unübersichtlicher

Die große Bühne des Internets hat sich in viele kleine Räume verwandelt. Manche sind offen zugänglich, andere nur mit Einladung betretbar. Und einige wirken so gut versteckt, dass man ohne den passenden Algorithmus nie wieder dorthin findet. Sichtbarkeit entsteht heute nicht mehr automatisch. Sie muss bewusst aufgebaut, gehalten und gepflegt werden.

Ob das künftig durch Blogs, Newsletter, neue Plattformen oder gemeinschaftliche Initiativen passiert, bleibt offen. Vielleicht erleben wir gerade tatsächlich die Entstehung eines neuen Re-Bundles. Für mich ist klar: Ich blogge. Ich schreibe Newsletter. Ich schaffe Verbindung.

Weiterführende Links / Ressourcen für dich

Hier findest du alle verlinkten Blogartikel, Podcastfolgen und weitere Ressourcen für dich:

Blogartikel von Jason Feifer: The One Predictable Thing in Business

Podcast von Steven Bartlett: The Diary of a CEO

Tool zum Abonnieren von Blogs: Newsify

Jede Woche Montag neue Blogartikel: Blogbot von The Content Society

Eine kuratierte Sammlung positiver und verbindender Inhalte aus der Blogosphäre: #sosollweb

Judith Peters über Bloggen in der Post-Google-Ära: Der Klick ist tot, lang lebe der Blog!

Jane von Klee über den Google AI Mode: Wie er funktioniert und was er für Deine SEO bedeutet

Stefanie Motiwal über GEO statt SEO? So machst du deine Website sichtbar für ChatGPT & KI-Suchmaschinen

Jonas Tietgen und Jannik Schubert in Podcastfolge Nr. 140 Kein SEO mehr wegen KI?

2 Kommentare

  1. Liebe Stefanie,
    was für ein mutmachender Artikel! Danke dafür!
    Mich erinnert deine Beschreibung von den vielen kleinen Räumen, in die sich die große Bühne des Internets aufteilt, ein bisschen die Welt der gedruckten Medien, also Zeitungen, Zeitschriften, Magazine und auch Bücher. Auch hier braucht es Kuratoren, die das alles bündeln, einordnen und auffindbar machen.
    Und wer schon mal das Sortiment zwischen Thalia und der Inhaber-geführten Buchhandlung verglichen hat, der weiß, wie unterschiedlich die Sortimente ausfallen können.
    Ich blogge ebenfalls (weiter) und vertraue darauf, dass sich wie immer vieles im Fluss befindet und trotzdem relevant bleibt, solange wir für Menschen interessante Themen verbloggen.
    Danke für deine Zusammenfassung, wo es schon überall kuratierte Sammlungen gibt.

    Liebe Grüße Irina

    1. Liebe Irina,
      ja, der Vergleich mit den Büchern und Zeitungen passt sehr gut!
      Das sind kuratierte Inhalte und für diesen Markt hat sich viel verändert.
      Es gibt sie aber immer noch und sie sind nicht untergegangen.
      Viele Grüße
      Stefanie

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